Der Nobelpreis und wie er das Leben eines Professors auf den Kopf stellt

Im Norden der Niederlande geht es beschaulich zu. Groningen ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und eine Universitätsstadt: Ein Viertel der Bewohner sind Studierende. Weit entfernt von den Metropolen der „Randstad“, bietet das Groninger Hinterland eine von kräftigem Grün gesättigte Weiden- und Wiesenlandschaft, die bis an den Horizont reicht. Besucher, die sich über eine der flachen, langgezogenen Landstraßen nähern, sieht man rechtzeitig vom Wohnzimmerfenster aus und kann Vorkehrungen treffen.

Eine unverhoffte Auszeichnung

Professor Roef Dingelam, der an der Universität Groningen technische Chemie lehrt, hat sich zusammen mit seiner Frau Gré in diesem unspektakulären und doch bequemen Setting eingerichtet. Aber gleich zu Beginn des Romans „Unter Professoren“ von Willem Frederik Hermans wird Dingelams Leben auf den Kopf gestellt: In seinem Wochenendhaus erhält er nämlich die Mitteilung, der diesjährige Nobelpreisträger für Chemie zu sein!
Während seine pragmatische Ehefrau moniert, dass man von dem Preisgeld (ca. 300.000 Gulden) noch nicht einmal leben könne, gelingt es der Universitätsverwaltung nicht, ihre Glückwünsche zu übermitteln, weil das Wochenendhaus über keinen Telefonanschluss verfügt. Da entpuppt sich der Nachbar, ein netter und redseliger Landwirt, als der angenehmste Gratulant, denn er schenkt dem Ehepaar Dingelam einen riesigen, in jeder Hinsicht stattlichen Hahn. Schnell hat der Hahn die Eheleute für sich gewonnen und nimmt – obwohl er nicht gerade stubenrein ist – einen zentralen Platz in ihrem Leben ein.

Das Private ist politisch und die Universität erst recht!

Das Ganze spielt sich Anfang der 70er Jahre ab und so macht die Politisierung des privaten und öffentlichen Lebens auch nicht vor Groningen Halt: Ein radikaler, wenn auch kleiner Teil der Studentenschaft fühlt sich aus höchsten ideologischen Gründen berufen, ausgerechnet das Labor, in dem Dingelam arbeitet, zu besetzen. Der Zeitpunkt ist mehr als ungünstig, denn aufgrund des Nobelpreises wird das nationale und internationale Fernsehen erwartet, und die Universitätsverwaltung möchte ihren „wichtigsten Wissenschaftler“ im besten Licht zeigen. Das Vermittlungsgespräch der Universitätsverwaltung mit den Rädelsführern der aufsässigen Studierenden scheitert an der unvereinbaren Wirklichkeitsauffassung der Beteiligten, die einerseits rein pragmatisch und andererseits ideologisch und realitätsfern ist. Die Studierenden halten ihre eigenen Forderungen wie die Abschaffung aller Prüfungen und die Einführung eines Studierendengehalts für unerfüllbar und nehmen das zum Vorwand, um das Labor ohne Rücksicht auf Verluste zu besetzen.

Vorgesetzte und andere Ärgernisse

Dingelams Vorgesetzter verhehlt seine Missgunst nicht, als Dingelam ihn zufällig in Begleitung von einigen Professorenkollegen am einzigen Ort antrifft, der zu nächtlicher Stunde noch für einen Feiertagstrunk geöffnet hat.
Nachdem schon die Arbeit an der Fakultät für Chemie durch die Besetzung unmöglich geworden ist, droht auch die Feierstunde, die in der Aula der Universität zu Dingelams Ehren abgehalten werden soll, durch radikale Studierende ins Wasser zu fallen. Und der Hahn, der dem Professorenehepaar so ans Herz gewachsen war, ist nach einer Stippvisite motorisierter Aktionisten auf einmal verschwunden.
Das ist zu viel für den nüchternen Professor, der sich an sein unspektakuläres Leben gewöhnt hatte, und er nimmt mit seiner Frau reiß aus…

Ein lustiger und mit satirischen Beobachtungen gespickter Roman, der unterschiedlichste Charaktere des Universitätslebens treffend zu beschreiben weiß. Willem Frederik Hermans schreibt aus eigener Erfahrung, denn er hat selbst bis 1973 an der Universität Groningen gelehrt. „Unter Professoren“ ist als Schlüsselroman angelegt und diverse Charakter sind unschwer mit den realen Kollegen zu identifizieren.

Willem Frederik Hermans (1975): Unter Professoren, neu übersetzt von Barbara Heller und Helga van Beuningen, 512 Seiten, Aufbau Verlag 2016, ISBN: 978-3-351-03652-2.

erschienen auf kunstundmedien am 11.04.2021